Biggi Berchtold
Liebesromane mit Herz

Leseprobe
"The Neighbour - Gefährliches Spiel" 

Kapitel 14 


Ich bin nervös, aufgeregt und habe gleichzeitig ein Kribbeln im Bauch, als ich in seine wunderschönen, dunklen Augen regelrecht eintauche. Auch heute sieht er wieder verdammt gut aus. Wie die pure Sünde selbst. Anthrazitfarbener Anzug, weißes Hemd und schwarze Schuhe. Als er auf uns zukommt, wird er von dieser Betty aufgehalten, die sich in ihrem gewagten Outfit mal wieder richtig ins Zeug gelegt hat. Ein silberfarbener Jumpsuit, der knapp ihren Po bedeckt, und dazu mörderisch hohe Stilettos sind ihr Style an diesem Abend. Ihre langen blonden Haare hat sie zu einem eleganten Pferdeschwanz gebunden, den ihr mit Sicherheit ein Friseur verpasst hat.

Lächelnd legt sie ihre Hand auf seine Brust und flüstert ihm etwas ins Ohr, was ihn zum Schmunzeln bringt. Dann sieht er wieder zu mir und mustert mich, scannt mich buchstäblich ab, während sie ihn weiter zutextet. Verführerisch zieht er seine Unterlippe in den Mund und hält sie mit den Zähnen fest. Sein Blick ruht weiterhin auf mir.

»Hier steckt ihr?« Wie aus heiterem Himmel steht Alexa plötzlich vor uns, durchbricht meinen Augenkontakt zu Gil, und begrüßt uns mit einer liebevollen Umarmung. Auch sie hat sich heute superschön zurechtgemacht, was ich ihr auch sage. Ihre schwarzen lockigen Haare hat sie geglättet, was äußerst selten vorkommt, und zusammen mit ihrem dunkelroten schulterfreien Cocktailkleid sieht sie aus, als wäre sie einer Modezeitschrift entsprungen.

»Dein Nachbar weiß definitiv, wie man eine coole Party schmeißt. Und dann die Location … Mamma mia«, schwärmt sie so theatralisch, dass es mich zum Lachen bringt.

»Er ist Single, falls du das noch nicht weißt. Geh und schnapp ihn dir«, sagt Scott belustigt und schiebt sie sanft in Gils Richtung.

»Wobei der DJ auch sehr vielversprechend aussieht«, antwortet Alexa keck und schenkt ihm ein Lächeln, als er zufällig in unsere Richtung schaut.

»Lass uns mal sehen, was es zum Essen gibt«, schlägt Scott vor.

»Wir müssen Gil doch erst begrüßen und ihm unser Geschenk geben«, erinnere ich ihn.

»Stimmt, natürlich«, pflichtet er mir mit knurrendem Magen bei.

Ich habe meinen selbstgemachten Zucker in ein Jutesäckchen abgefüllt, und ein größeres Stück Kaminholz mit roter Schleife in ein Körbchen gepackt, wie es der Tradition entspricht. Dazu eine Karte, wo ich ihn als Nachbarn willkommen heiße sowie einen Restaurantgutschein von einem hervorragenden Italiener in Ickenham.

Und so warten wir, dass Betty ihn aus ihren Fängen entlässt, was kurz darauf geschieht.

»Hallo, Liv.« Sanft legt Gil seine Hände auf meine Schultern, was mich kurz erschauern lässt, und gibt mir Wangenküsschen auf beide Seiten, womit ich überhaupt nicht gerechnet hätte. Sein unverkennbarer Duft steigt mir unweigerlich in die Nase. Die Männer geben sich zur Begrüßung die Hände, während Scott sich für die Einladung bedankt.

»Wir haben dir eine Kleinigkeit zum Einzug mitgebracht. Willkommen, Herr Nachbar.« Mit geröteten Wangen von seiner Begrüßung überreiche ich ihm den Korb.

»Vielen Dank. Aber das wäre nicht nötig gewesen.« Gil stellt den Korb auf einen Tisch, auf dem bereits weitere Präsente ihren Platz gefunden haben, und wendet sich dann wieder uns zu.

»Wir haben zwei Getränkebars mit Softdrinks, Cocktails oder Spirituosen. In der Küche befindet sich das Buffet mit Fingerfood. Ich hoffe, ihr genießt den Abend und habt Spaß.«

»Ganz sicher«, antworte ich lächelnd, was ihn kaum merklich die Augenbrauen belustigt heben lässt. Es würde mich jetzt brennend interessieren, was in seinem Kopf vorgeht.

»Liv, wie sieht es aus? Sollen wir uns dann schon mal ans Buffet machen?«, fragt Scott und tätschelt seinen Bauch.

»Ich habe noch keinen Hunger«, antworte ich ehrlich.

»Dann werde ich mal gehen.« Er gibt mir ein Wangenküsschen und verschwindet im Getümmel.

»Wie geht es dir?«, fragt Gil, als Scott außer Hörweite ist. Es scheint ihn tatsächlich zu interessieren, wie ich seiner Mimik entnehmen kann.

»Gut, danke. Es ist zum Glück nichts mehr passiert«, antworte ich.

»Das freut mich. Du kannst jederzeit zu mir kommen, falls dir mal wieder mulmig ist. Und natürlich auch, wenn dir einfach danach ist. Das weißt du hoffentlich?«, fragt er sanft, und ich spüre, dass er es ehrlich meint und mich zur Abwechslung nicht anmacht.

»Ja, danke. Das weiß ich sehr zu schätzen. Ich wüsste nicht, was ich gemacht hätte, wenn du beim letzten Mal nicht gewesen wärst.«

»Du siehst heute wieder atemberaubend aus. Und das ist keine dumme Floskel, sondern entspricht den Tatsachen.«

»Ach, Gil …« Ich bin den Tränen nahe, weil ich so durcheinander bin. Ich nicht weiß, was ich machen soll. Die Sache mit Scott hängt mir noch nach, und irgendwie fühle ich mich zu Gil so sehr hingezogen …

Seine Miene verfinstert sich, wechselt zu besorgt. »Willst du darüber reden?«

Dezent schüttle ich den Kopf, blinzle meine Tränen weg und lächle ihn gequält an. Da muss ich allein durch, sage ich mir in Gedanken. »Du solltest dich um deine Gäste kümmern. Es ist alles okay«, wispere ich.

»Mr Cavendish«, dringt die schrille Stimme von Mrs Robertson an mein Ohr. Auch sie ist, ihrem Alter entsprechend, in ein elegantes lilafarbenes Kleid mit weißem Spitzenkragen geschlüpft und hat ihren Hund Barney im Schlepptau.

»Mrs Robertson, schön, dass Sie meiner Einladung gefolgt sind.« Gil gibt ihr die Hand, beugt sich anschließend nach unten und streichelt dem Rauhaardackel übers Köpfchen, was der Vierbeiner zu genießen scheint.

»Vielen Dank, dass ich Barney mitbringen durfte. Er wäre sonst keine Sekunde allein geblieben, und ich hätte nicht hier sein können. Nicht wahr, du kleiner Schlingel?« Sie bückt sich zu ihm und tätschelt ihn.

»Wenn wir die Alte loswerden wollen, müssen wir nur ihren Hund rausschicken«, flüstert Gil mir so leise ins Ohr, dass nur ich es hören kann. Dabei grinst er spitzbübisch.

Ich muss mir ein Lachen verkneifen, und meine Stimmung von eben erhellt sich augenblicklich.

»Ladys, darf ich Sie zum Buffet begleiten?«

»Gerne«, antworten wir beide gleichzeitig.

Gil legt seine Hände auf unsere Rücken und führt uns ins Haus. Die Berührung auf meiner nackten Haut verursacht eine Gänsehaut am ganzen Körper. Kaum merklich lässt er den Daumen auf und abgleiten, ehe wir am Buffet ankommen.

Neue Gäste treffen ein und nehmen ihn in Beschlag, während ich mich mit Mrs Robertson den Köstlichkeiten widme.

Als ich meinen Teller mit ein paar Leckereien beladen habe, suche ich Scott im Getümmel. Er unterhält sich gerade angeregt mit einer attraktiven Dunkelhaarigen und isst nebenbei. Ich geselle mich zu den beiden, die sich bereits duzen, wie ich höre.

»Störe ich?«, frage ich und stelle meinen Teller auf dem Tisch ab.

Die mir unbekannte Frau, die eben zum Lachen ansetzt, verstummt im nächsten Moment, als sich unsere Blicke treffen.

»Oh … Liv, darf ich dir Miss Tatjana Wolkow vorstellen? Sie arbeitet mir seit Neuestem in unserem Team zu«, erklärt er, wovon ich noch nichts erfahren habe. Aber Scott erzählt auch nur selten etwas über die Arbeit und seine Kollegen. Anschließend stellt er mich als seine Ehefrau vor. »Für mich war das heute eine Überraschung, Tatjana hier zu treffen«, fügt er rasch hinzu.

Lächelnd nicke ich, was sie erwidert.

»Mr Cavendish und ich haben auch schon gemeinsam für ein Projekt gearbeitet, und seither schieben wir uns die Kunden gegenseitig zu«, ergänzt sie Scotts Erläuterungen zum Geschäftlichen.

»Da sieht man mal wieder, wie eng man miteinander verknüpft ist«, wirft Scott lächelnd ein.

»Das stimmt. Auch unsere Schule arbeitet nun mit Trusted Pay zusammen.«

»Ach, davon hast du mir noch gar nichts erzählt«, sagt er sichtlich verwundert.

»Das hab auch nicht ich entschieden, sondern mein Boss. Am Montag starten wir mit der Umsetzung.«

»Mit Mr Cavendish haben Sie einen wundervollen Partner an Ihrer Seite. Sehr kompetent … in sämtlichen Bereichen.« In sämtlichen Bereichen? Was soll mir das nun wieder sagen? Ob die beiden ein Techtelmechtel hatten?

»Und Tatjana muss es ja wissen. Schließlich hat sie schon mit sehr großen Firmen weltweit kooperiert, und auf ihrem Gebiet kann ihr keiner etwas vormachen. Ich bin froh, sie in unserem Team zu haben«, sind Scotts bewundernde Worte für die Arbeitsleistung seiner Zuarbeiterin.

»Dann freue ich mich auf die enge Zusammenarbeit mit Gil«, gebe ich lächelnd von mir, denn Scotts Ausführungen über die Arbeitsleistungen seiner neuen Kollegin sind mehr als übertrieben. Und wenn ich es mir so recht überlege, ist die ganze Firma übertrieben, für die er tätig ist. Sein Boss, der mich schon beim ersten Aufeinandertreffen mit seinen Blicken buchstäblich ausgezogen hat, seine Kollegen, die irgendwelche Nutten bei sich hatten und dann Scott, der bald jede freie Minute für die Firma opfert ohne Rücksicht auf Verluste. Ja, ohne Rücksicht …

Eine Servicekraft bietet mir einen Aperitif an, den ich dankend annehme. Gerade ist mir nach Alkohol, egal, ob er mir schmeckt oder nicht. Die Hauptsache ist, dass es mir die Sinne benebelt. Und so proste ich Tatjana und Scott zu, die noch von ihrem Wein trinken.

»Ich sehe mich dann mal nach Alexa um«, sage ich und drücke mich zwischen den Leuten nach draußen durch, wo ich sie an einer der Bars sehe. Sie unterhält sich angeregt mit dem Barkeeper. Neben ihr steht eine Dunkelhaarige, die mir bekannt vorkommt. Als ich nähertrete, erkenne ich sie als die Frau, die Gil in der Bar des Queen Plaza Hotels im Schlepptau hatte. Scheinbar hat er seine ganzen Liebschaften eingeladen, und vielleicht sogar mit allen noch engeren Kontakt. So eng, wie du ihn bald haben wirst … ab Montag, schießt es mir durch den Kopf.

Alexas Blick trifft meinen und sie winkt mich zu sich. »Baby, ich hab so ein geiles Gesöff von Mike gemixt bekommen. Versuch mal.«

Sie drückt mir einen Cocktail in die Hand, der erfrischend und fruchtig, jedoch kaum nach Alkohol schmeckt.

»Lecker, aber etwas lahm. Da fehlt irgendwie der Alkohol, findest du nicht auch?«, frage ich, wohlwissend, dass sie eigentlich wieder nach Hause fahren wollte.

Der Barkeeper lacht und schüttelt amüsiert den Kopf. »Dann mixe ich Ihnen auch einen«, sagt er an mich gewandt.

Währenddessen erzählt Alexa von den seltsamen und weniger seltsamen Begegnungen auf der Party. Unter anderem von Mrs Robertson. »Jesus, deine Nachbarin ist ja schlimmer als der Scotland Yard. Die quetscht einen aus, weiß und sieht einfach alles und erzählt einem haarklein, wann welcher Nachbar am Morgen das Haus verlässt und wann er wieder zurückkehrt. Gerade hat sich von ihrem Geschwafel ein Geschwür an meinem Ohr gebildet.« Sie hält mir ihr Ohr hin. »Siehst du?«

Ihre Ausführungen bringen mich zum Lachen. »Ja, so ist sie. Neugierig ohne Ende«, pflichte ich ihr bei, und dann kommt mir im nächsten Moment, dass ich nicht anders bin.

Mike, der nette Barkeeper, schiebt mir ein großes Glas vor die Nase. »Bitteschön, Lady. Lassen Sie sich den Cocktail schmecken und genießen Sie ihn.« Grinsend zwinkert er mir zu.

»Auf den heutigen Abend, und auf all die heißen Singlemänner, die Gott für mich schuf«, prostet mir Alexa kichernd zu, was mich wieder zum Lachen bringt.

Und so hebe ich ebenfalls mein Glas, trinke von diesem leckeren Getränk und wiege dabei meine Hüften ausgelassen zur Musik.

Der DJ, der den halben Abend aufgelegt hat, räumt die Bühne und gibt den Platz an ein Gesangsduo frei.

Gil unterhält sich angeregt mit den beiden, lacht wieder sein strahlendes Lächeln und greift anschließend nach dem Mikrofon.

»Verehrte Gäste …«, beginnt er seine Rede. Die vielen Stimmen verstummen augenblicklich.

Schon die ersten zwei Worte, die über die Lautsprecher schallen, treffen direkt mein Innerstes. Himmel, seine Stimme …

»Ich freue mich, dass Sie meiner Einladung gefolgt sind und mit mir diesen besonderen Tag feiern. DJ Leni hat Sie bisher durch den Abend geführt und wird jetzt von den beiden fantastischen Sängern Simone und Christopher abgelöst. Ich wünsche Ihnen noch einen wundervollen Abend. Und nun … Bühne frei.« Klatschend verlässt er das Podest und gesellt sich neben Blondie-Betty, die ich insgeheim Miss Be-Be nenne.

Die ersten Töne des Songs Flux, der ursprünglich von Ellie Goulding gesungen wird, klingen fantastisch und laden buchstäblich zum Tanzen ein.

»Darf ich bitten«, raunt die Stimme von Gil plötzlich neben mir.

Ehe ich antworten kann, hat er mich schon in seine Arme gezogen und wiegt sich mit mir zur Musik. Seine gespreizte Hand liegt sanft auf meinem nackten Rücken und verursacht ein unheimliches Prickeln.

Ein Lächeln umspielt seine Lippen. »Darauf habe ich mich schon den ganzen Abend gefreut.«

»Ich denke, jetzt wird es langsam für mich gefährlich.«

»Gefährlich?«, fragt er amüsiert.

»Ja. Deine Liebschaften starren gerade zu uns und ich glaube, sie wollen mir die Augen auskratzen. Und nicht nur die.«

Gil lacht. »Liebschaften? Nein, sie waren nur eine …« Er überlegt kurz und runzelt dabei die Stirn. »… eine kleine Ablenkung. Außerdem ist kaum zu übersehen, dass du heute Abend die Königin bist.«

Seine Bemerkung bringt mich zum Grinsen und so schüttle ich leicht den Kopf. »Für dich ist doch jede Frau eine Ablenkung

»Nein. Dich will ich nicht nur für eine Nacht«, antwortet er leise, jedoch in ernstem Ton. Dabei ruht sein glühender Blick auf mir, der meine Atmung etwas beschleunigt.

»Du willst mich doch nur, weil ich womöglich die Einzige bin, die nicht auf deine Avancen eingeht«, spreche ich meine Gedanken laut aus und grinse. Doch mein Grinsen verfliegt augenblicklich, als sich seine Miene verdunkelt.

»Anscheinend verstehst du mich nicht. Ich will nicht nur deinen aufreizenden Körper, ich will dich. Ganz.«

Mit offenem Mund starre ich ihn an.